Klang-Erlebnisse in Architektur umgesetzt

"Euphonia"-Ausstellung im Bürgerhaus eröffnet [als Buch erhältlich]

COBURG [Neue Presse, 7.2.1985]
Von Hubert Fromm

COBURG. - "Euphonia ist eine kleine Stadt von 12000 Seelen in Deutschland. Man kann als ein großes Konservatorium der Musik betrachten, denn die Ausübung dieser Kunst ist der einzige Arbeitszweck ihrer Einwohner." Der Autor dieser Zeilen aus einer utopische'n Novelle, die aus dem Jahr 2344 berichtet, ist ein Komponist aus dem 19. Jahrhundert: Hector Berlioz. Sein musikalisches, aber auch - weniger bekanntes - literarisches Werk regte den Coburger Hans-Jürgen Fliedner zu einem Projekt an, dessen zeichnerischer Grundentwurf jetzt im Bürgerhaus Mohrenstraße 3 zu bestaunen ist. Die Ausstellung trägt den Titel: "Euphonia - die musikalische Stadt". Zur Eröffnung erläuterte der Architekt dieser kühnen Zukunftsvision anhand von Lichtbildern seine Idee.
Euphonia, entstanden aus der Suche nach dem totalen Musikerlebnis, stellt sich in Fliedners Blick hinter dem Vorhang der Zukunft als eine Oase der Glückseligkeit dar. Mit Hilfe der Raffinesse modernster Technik, die, alle machbaren Nuancen ausnutzend, eine wundersame, einladende Gebäude-Kulisse hervorgezaubert, soll der Musikgenuß gesteigert werden. Die Architektur entlehnt ihre Formen und Gesetze der Musik und spiegelt somit die rauschhaften Klänge am eindringlichsten wider.
Die Frage, die sich Fliedner stellte - "Wie ließe sich ein Stadtbild gestalten, das
einerseits zureichender Ausdruck der musikalischen Tätigkeit und Zielsetzung ihrer Bewohner ist, andererseits eindeutig genug auf das musikalische Schaffen Berlioz' zu verweisen vermag?" - löste er mit einem verblüffenden Einfall. Die Notation des Leitmotiv s aus der "Symphonie fantastique" von Berlioz mit ihren Noten, Notenschlüssel n, Notenlinien und Taktstrich en dient ihm als Grundriß seiner Musikerstadt, für deren Realisierung Fliedner das geographisch passende
Landschaftsgelände bereits gefunden hat: das Pulvermaar in der Eifel. Dort befindet sich auch ein Kratersee, der in der futuristischen Konzeption eine dominierende Funktion übernimmt; in seiner Mitte soll ein schwimmendes Theater- und Konzerthalle-n-Gebäude entstehen.
In den über 30 Bildern der Ausstellung deutet Fliedner an, wie er sich diese
abenteuerliche Verwandlung und Übersetzung von Musik, die im immateriellen Ton ihr Medium hat, in die am ausgeprägtesten dem Stofflichen verbundene
Kunstgattung, die Architektur, vorstellt. Die Zeichnungen beschränken sich auf die Andeutung wesentlicher Details. Aus einer kreativen träumerischen Imagination entstehen beispielsweise in Gestalt des C-Notenschlüssels konstruierte Doppelrumpf-Gondel-n", und "Die Häuser der Singstirnrnen und Instrumentalisten" bringen mitarchitektonischen Mitteln die musikalische Dynamik- und Tempobezeichnung zum Ausdruck.
Aber Fliedner will mit seinen Skizzen und Entwürfen nicht einfach nur der
Alltäglichkeit den Rücken kehren und die Flucht ins Reich transzendent-er
Schönheit antreten. Die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit wird erkannt und ironisch verarbeitet. Der Formulierung von Wahrheit und Absolutheit wird gleichsam die Reinheit bestritten und mit dialektischen Verfremdungseffekten in Frage gestellt.
Brüchig bleibt die Balance zwischen subjektivem Gefühl und objektiver Form
allemal, ebenso die Synthese von Musik und Architektur. Doch führt die
Verquickung unterschiedlichster Motive - auch aus dem philosoplisch-en und
mythologisch-en Bereich - zu einem reichhaltigen Assoziationsspektrum, das den Sinngehalt des gesamten Projektes ständig erweitert und immer wieder neue Reflexion-en in Gang setzt.
Obwohl besessen von seiner Idee, bleibt Fliedner gegenüber sich selbst auf
ironischer Distanz, er meinte: "Für mich ist diese Art Arbeit jetzt abgeschlossen."
Also doch nur ein mehr spielerisches als ernsthaftes Unterfangen? Man mag ihm dies nicht ganz abnehmen. Die Frage allerdings: Genial oder verrückt? kann jeder nur durch einen Besuch der Ausstellung selbst beantworten. Unentbehrlich ist der informative Katalog, zum besseren Verständnis der Ausstellung.

Euphonia - die musikalische Stadt

Utopische Architektur'entwürfe von Hans-Jürgen Fliedner

COBURG [Coburger Tageblatt, 5.2.1985]
Von rb.

Eine ungewöhnliche Ausstellung ist zur Zeit in der Galerie des Bürgerhauses in der Mohrenstraße zu besichtigen. Unter dem Titel "Euphonia - Die musikalische Stadt'' wurden hier utopische Architekturentwürfe von Hans-Jürgen Fliedner angefertigt.
Sie stellen die Visualisierung einer wenig bekannten Zukunftsnovelle des
Komponisten Hector Berlioz dar, dem Fliedner sein Opus wiederum widmete.
In dieser Erzählung geht es um eine Musikerstadt, von "Euphoniern" bewohnt, deren Gebäude aus der Formensprache der Notation gebildet wurden. Da sind
"Notenhäuser zu sehen, Taktstrichstraßen, Notenschlüssel-Garten-Ornamente, die inmitten eines Kratersee-s liegen. Neben zahlreichen kleinformatigen, mit
Anmerkungen versehenen Entwürfen werden großformatige Konzepte Präsentiert, wie etwa ein schwimmendes Theater- und Konzerthallengebäude. Um die Trennung zwischen "wirklicher" und "theatralischer" Realität deutlich zu machen, umrahmt das leuchtende Bildnis ein schwarzer Rand in Form eines Notenschlüssels, der dem Betrachter den Eindruck vermittelt, durch ein Schlüsselloch zu blicken.
Die gigantische Fiktion Hans-Jürgen Fliedners gipfelt schließlich in der Forderung nach Realisierung: als zentrales Kulturzentrum, dessen Standort das Pulverrnaar in der Eifel sein soll, und das der Berlioz-Pflege zu dienen habe. Für Hans-Jürgen Fliedner, der Kunstgeschichte und Philosophie studierte und heute freischaffend tätig ist, ist dieses Werk ein Schritt auf dem Weg zu einer Theatralisierung der Welt.

Video - Euphonia-Vortrag - Fliedner
!!! NEU !!! Euphonia-Vortrag von Hans-Jürgen Fliedner als Video-Aufzeichnung. Vortrag im Kunstverein Coburg am 29. Februar  2008; Vortragsdauer ca. 01:50:00.
Sie können sich den Vortrag in zwei Teilen ansehen / herunterladen; hier die Video-Links:
Link: Euphonia - Teil 1
Link: Euphonia - Teil 2
Für weitere Informationen klicken Sie das Bild oben an. Auf der separaten "Video-Seite" finden Sie eine differenzierte Inhaltsangabe und "Links" zu drei "Video-Ausschnitten" zum "Test-Sehen-Hören".

Euphonia-Vortrag im Haus Wahnfried,
Rezension von:
Frank Piontek, Nordbayerischer Kurier, 7.11.1999

Erste Präsentation des Euphonia-Projekts:
Rezension von:
Wolfgang Rüdell, Fränkischer Tag, 11.2.1985

Zur Seite: Berlioz / Fliedner - Euphonia

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