Von Notenhäusern und Taktstrichstraßen

Hans-Jürgen C. Fliedner stellt in Coburg sein utopisches
Architekturprojekt Euphonia - [als Buch erhältlich] vor
BAMBERG [Fränkischer Tag, 11.2.1985]
Von Wolfgang Rüdell

Hans-Jürgen C. Fliedner stellt im Bürgerhaus Coburg Skizzen, Bilder, Pläne zu einem utopische-n Architektur-Projekt vor - Euphonia, die musikalische Stadt. Eine Sensation. Dieser jedoch geht alles Laute, Schrille ab.

Zunächst einmal eine herrliche, versponnene Idee: eine Musikerstadt, der vollendeten Aufführung der Werke des Hector Berlioz gewidmet. Xilef. Komponist und Kapellmeister schwimmt in dem gewaltigen, mit herrlicher Akustik begabten Kratersee des nunmehr erloschenen Ätna.
Damit beginnt eine "Zukunftsnovelle" von Berlioz aus dem Jahre 2344. Ihr entlehnt Fliedner Anregung und Titel seiner Arbeit "Euphonia, die musikalische Stadt". Berlioz hat sie am Rande des Harz lokalisiert, seine Euphonier obliegen der perfekten Realisation der Reformopern des Christoph Willibald Gluck.

Die Ausstellung macht die Entwicklung einer konkrete-n, zumindest konkretisierbaren Utopie deutlich und stellt sie darüber hinaus überzeugend dar, nicht mittels Überredung oder Agitation, sondern durch visuelle Gestaltung. Man kann durchaus lediglich schöne, poetische Bilder konsumieren, sich der sanft manierierten Darbietungsweise überlassen - das Auge freut sich und darf sich satt sehen, jedes einzelne Bild vermag ohne weiteres für sich zu bestehen. Und doch entfaltet sich erst der ganze Ideengehalt des Projektes, wenn man sich von Bild zu Bild weiterliest (vorzüglich der Katalog [Anm.: der Katalogtext entspricht der vorliegenden Euphonia-Buch-Publikation]) und die Konzeption Gestalt werden läßt. Endlich wird man kaum umhin können, sich auseinanderzusetzen mit einer Wirklichkeit, der Poesie fremd zu werden droht.

Eigentlich ist Fliedners Griff in die Welt ungeheuerlich. Indem er seinem Projekt eine genaue Örtlichkeit zuweist eine Senke zwischen Römerberg und dem kreisrunden Pulvermaar in der Vulkaneifel, macht er Landschaft wieder zu etwas Bedeutendem. Nicht bloß, daß wir ein wenig über eine spezielle Topographie erfahren, er entwickelt nicht nur eine Beziehung, sondern er berücksichtigt und bezieht Landschaft ein und stellt neue, geistige Beziehungen her. Diese, werden, wenngleich nicht natürlichen so doch naturgemäß, gültig - als müsse dort (und nur dort) vollendeter Harmonieklang von Natur und Kultur, von sinnhaft-sinnlicher Erfahrung, Architektur und Schaffenskraft bildlich werden.

Die Notation der "idée fixe", des Leitmotivs der Symphonie fantastique mit ihren Noten. Notenschlüsseln, Notenlinien, Taktstrichen, Pausenzeichen liefert den Grundriß einer Stadt, deren Notenhäuser, Notenlinienwege und Taktstrichstraßen, Notenschlüsselgärten eine Parkstadt bilden, die von der Spitze des südlich des Eifel- Krater-s gelegenen Römerberg-s aus in ihrer Ost-West-Erstreckung gänzlich einsehbar und damit lesbar ist.

Wichtige Baulichkeiten sind etwa ein künstlich-ruinöses Amphitheater im nahen Steinbruch (halb-elliptisch, C-Schlüssel) und ein in der Mitte des Sees schwimmende Theater-/Konzerthalle mit Violinschlüssel-Grundriß. Wir betrachten sie im Bild, bereits leicht sehnsüchtig, wie durch ein Schlüsselloch, wenden uns, um zu ihr zu gelangen, zum Hafen der Gondel-n (Baß-Schlüssel) und besteigen eine der Doppelrumpf- Gondeln.

Es gibt weitere verkehrstechnische Einrichtungen wie Euphonia-Bahn und euphonische Luftschiff-e, aber auch nachvollziehbar richtige architektonische Lösungen, etwa bei den "Häusern der Singstimmen" oder den "Häusern der Gluckisten und Berliozianer".

Unmöglich, auf den Reichtum im Detail einzugehen. Aber der Betrachter wird inne, in einer Zeit zu leben. die ein Lego- oder Disneyland hervorbringt, die der reinen Kunst, der art pure der unverbesserlichen Romantiker bedarf, damit sie auf den Begriff gebracht wird. Die Grenzen der Raum-Zeitlichkeit von Ökonomie sowie Ökologie und nicht zuletzt der Freiheit werden klarer wenn sie jemand so souverän als Künstler berührt, wie es Fliedner mit Euphonia tut. Es ist zu hoffen, daß Euphonia auch andernorts seine Wirkung entfalten darf.

Video - Euphonia-Vortrag - Fliedner
!!! NEU !!! Euphonia-Vortrag von Hans-Jürgen Fliedner als Video-Aufzeichnung.
Vortrag im Kunstverein Coburg am 29. Februar  2008; Vortragsdauer ca. 01:50:00.
Sie können sich den Vortrag in zwei Teilen ansehen / herunterladen; hier die Video-Links:
Link: Euphonia - Teil 1
Link: Euphonia - Teil 2
Sie können sich den Festspielhaus-Bayreuth-Vortrag (Kunstverein Coburg)  ansehen / herunterladen; hier der Video-Link:
Link: Festspielhaus-Bayreuth-Vortrag

Euphonia-Vortrag im Haus Wahnfried,
Rezension von:

Frank Piontek, Nordbayerischer Kurier, 7.11.1999

Erste Präsentation des Euphonia-Projekts:
Rezensionen von:

Hubert Fromm, Neue Presse, 7.2.1985 und
rb., Coburger Tageblatt, 5.2.1985


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